• Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit

    by  • 28. Januar 2015 • Dein Leben • 0 Comments

    Am Donnerstag läuft Alejandro González Iñárritus Film Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit in den deutschen Kinos an – einer der großen Favoriten bei der Oscarverleihung 2015. Doch das ist nicht der Grund, warum sich unser Kritiker Ilkay Aydemir wie ein kleines Kind auf den Neuen des Mexikaners freut. Ein Erklärungsversuch.

    >>>>> Als ich das erste Mal von Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit höre, platzt mir fast der Kopf.

    Iñárritu macht eine Komödie?! Und mit was für einem Cast!

    Ich bin nicht in der Lage, meine Freude zu verbalisieren und klatsche wie ein zurückgebliebenes Kind in die Hände. Als ich versuche, einer Freundin zu erklären, warum das die beste Nachricht der Woche ist, bestraft sie ich mit verständnislos rollenden Augen.

    „Aber Iñárritu hat bis jetzt nur unheimlich tragische Dramen gedreht. Verstehst du nicht wie krass es ist, dass er jetzt eine Komödie macht?“

    Tut sie nicht. Tun die Wenigsten.

    Aber das ist bei weitem nicht das erste Mal, dass mir etwas Derartiges passiert. Das macht nachdenklich. Warum ist es so schwer, andere für die Filmkunst zu begeistern?

    Also, warum liebe ich Filme? Klassische Antworten wie „weil sie mich in eine andere Welt entführen“ sind vielleicht ein Teil der Lösung, aber nicht wirklich befriedigend. Vielleicht ist auch die Frage falsch. Was mich eigentlich interessiert, ist folgendes: Warum bin ich Cineast? Warum bin ich wahnsinnig nach Filmen?

    Fast jeder Mensch liebt es, sich Filme anzuschauen. Ist ja auch ein fantastisches Unterhaltungsmedium. Aber was unterscheidet mich von dieser Masse und sorgt dafür, dass ich mir „Nouvelle Vague“-Filme rein zwinge, bei denen ich mir manchmal selbst nicht sicher bin, ob sie mich überhaupt in irgendeiner Form unterhalten.

    Warum packt mich bei der Bekanntgabe von Regisseur-Schauspieler-Kopplungen schon zwei Jahre vor Erscheinen eine Vorfreude, die sonst nur Kleinkinder einen Tag vor Weihnachten empfinden?

    Warum verehre ich Filme, die der Großteil meines Bekanntenkreises als dröge und prätentiös wahrnimmt?

    „Weil ich besser bin und so viel mehr Ahnung habe als ihr alle zusammen!“, möchte das Herz des missverstandenen Filmliebhabers direkt schreien. Und es könnte auch recht haben, aber was ich tatsächlich wissen möchte ist, welcher Moment in meiner Entwicklung ausschlaggebend dafür war, dass aus mir ein oft unausstehlicher, besserwisserischer Filmfanatiker wurde.

    Zwei meiner besten Freunde teilen mein Schicksal. Seit Ewigkeiten pflegen wir ein fast schon süchtiges Verhältnis zur Filmkunst. Falls mir jemand Antworten liefern kann, dann die beiden. Der eine studiert im badischen Exil, der andere war bereit zu helfen:

    „Bei mir hat’s sogar mit einem von Iñárritus Filmen angefangen,
    würde ich sagen. Babel kam 2006 raus, oder? Also war ich 14 oder 15,
    als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Ich hab‘ mich davor schon
    für Filme interessiert, aber der hat mich einfach weggeblasen. Ich
    mein‘, schau dir doch einfach mal die Leistung von dem Kerl an!
    Er hat in Marokko, in Japan und in den USA gearbeitet. Er hat auf
    drei Kontinenten gedreht!

    Außerdem hat er diesen Superstar Brad Pitt und hat trotzdem die Eier,
    ihm eine vergleichbar kleine Rolle zu geben und die unbekannten Schauspieler
    in den Vordergrund zu schieben. Es ist mir klar, dass bei dem Film verdammt
    viele Leute mitgearbeitet haben, aber ich war so beeindruckt davon,
    dass hinter dem ganzen dieser Typ mit einer Vision steht und die knallhart
    durchzieht. Kurz darauf hab‘ ich mir 21 Gramm runter geladen.“

    Nach genau so einer Geschichte habe ich mein junges Leben durchforscht.

    Eine nette Anekdote, die Außenstehenden erklären könnte, warum ich so passioniert an die gesamte Thematik rangehe. Warum ich jahrelang auf Werke von bestimmten Personen warte und warum ich teilweise am Boden zerstört bin, wenn meine Erwartungen nicht erfüllt werden.

    Die Antwort, auf die ich gekommen bin, ist etwas ernüchternd: Die zwei erwähnten Freunde haben irgendwann nach dem Unterricht angefangen, über Tarantino, Kaufmann und wie sie alle heißen zu reden. Und ich stand daneben und habe überhaupt nichts verstanden.

    Womit wir wieder bei der unverhofften Macht der Ahnungslosigkeit wären. Denn die Ahnungslosigkeit beim Zuhören hat mich dazu gebracht, all diese Filme nachzuholen.

    Und dann noch mehr zu schauen. Unterhaltsame, verstörende und Gedanken anregende Filme.

    Und über Filme bin ich auf Bücher gekommen, die ich sonst nie angerührt hätte.

    Den Zugang zur Kunst allgemein hätte ich ohne das Medium Film wahrscheinlich nie gefunden. Die Person, die ich heute bin, würde in dieser Form nicht existieren.

    Am Ende ist es kein isolierter Moment in meiner Historie, der erklären kann, wieso ich mich streckenweise wahnsinnig verhalte, sondern vielmehr der gesamte Prozess meines Erwachsenwerdens.

    Und wie, um alles in der Welt, könnte ich mich denn dann nicht auf den neuen Film von Iñárritu freuen?

    Foto: © 2015 Twentieth Century Fox

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