• „German Angst“ goes Halloween

    by  • 31. Oktober 2014 • Dein Leben • 0 Comments

    Das Fest des Gruselns in seiner ureigenen Form erleben? Ein Austauschstudium in den Vereinigten Staaten macht’s möglich. Käpsele-Autorin Katrin Kasper erlebt den Tanz in den November in Portland mit Menschen, die es genießen, einmal im Jahr ganz ohne Scham als sexy Katze oder Batman zu zeigen, was sie haben und sich nebenbei zu gruseln. Sie fragt sich: Entspricht das Original den uns vertrauten Klischees?

    Einmal Halloween als College-Student in Amerika feiern – für viele ein nicht fremder Gedanke und vermutlich vergleichbar mit dem Wunsch der meisten Amerikaner, das Oktoberfest in München zu besuchen. Als Austauschstudentin am Theaterinstitut der Portland State University (Oregon) erlebe ich das große Oktober-Spektakel in diesem Jahr zum ersten Mal „gefühlsecht“.

    Die Stimmung unter den Studenten und in der Stadt erinnert mich an die Zeit kurz vor Karnevalsbeginn in Deutschlands Feierhochburgen. Es gibt quasi nur noch ein Smalltalk-Thema: Was ziehst du an? Wer wirst du sein? Hier spalten sich im wahrsten Sinne des Wortes, oder besser: des Anlasses, die Geister.

    Während die einen, ganz ähnlich wie so manche an Heiligabend, kurz vor knapp losziehen und ihr Kostüm noch in der Geschäftsumkleide anbehalten, planen andere ihr Outfit wochenlang bis ins kleinste Detail und nutzen die gesamte Grusel-Palette von Kunstblut bis zu angeklebten Hautfetzen. So treffen der 0815-Panzerknacker im schwarz-weiß gestreiften Pullover und Breaking Bad-Hauptfigur Walter White im quietschgelben Schutzanzug aufeinander.

    Gänsehaut-Feeling im Haunted House

    Gemeinsames Ziel der Halloween-Anbeter ist die Lust, sich möglichst vergnügt zu ängstigen. Das wird auch in Portland nicht auf die leichte Schulter genommen. Die Amerikaner nehmen ihr Fest ernst und lassen sich so einiges einfallen, damit Gänsehaut-Momente kein Einzelfall bleiben.

    Mit weiteren todesmutigen Studenten wage ich das Selbstexperiment und besuche ein „Haunted House“ (dt.: Spukhaus) am Stadtrand. Am Eingang einer umfunktionierten Lagerhalle erwartet uns eine Kassiererin im flackernden Licht einer Straßenlaterne. 15 Dollar verlangt sie, schenkt mir ein irres Grinsen und wünscht „viel Glück“. Daraufhin wird unsere Gruppe von einem blutverschmierten Mann mit Sense halbiert, wir sollen uns ja amüsieren können.

    Wir betreten die Lagerhalle. Es ist dunkel und es dauert eine Weile bis sich die Augen an die Verhältnisse gewöhnt haben. Durch enge Gänge führt der Weg auf einen großen Friedhof. Aus der Ferne hört man Schreie. Auch hinter mir quietscht es. Ich drehe mich nach links, um meine ängstliche Freundin zu beruhigen, erkenne ihre Umrisse und klopfe ihr aufmunternd auf die Schulter.

    Sie bleibt dicht hinter mir, doch ich habe plötzlich das Gefühl, dass uns der Rest der Gruppe nicht mehr folgt. Irritiert schaue ich hinter mich und sehe alle meine Freunde etwas entfernt stehen. Alle? Ich blicke neben mich und der Schreck fährt mir durch die Glieder. Eine Frau in einem langen Nachthemd starrt mich mit hervorquellenden Augen an. Ihr Gesicht befindet sich nur wenige Zentimeter vor meinem. Ich schreie.

    Chainsaw und Pennywise lassen grüßen

    Die anderen lachen, die Frau verschwindet zwischen den Gräbern. Mein Herz schlägt immer noch etwas schneller, als wir weitergehen. Hier und da bewegt sich etwas in den Schatten. Ein großer Vorhang aus PVC-Streifen bildet den Durchgang zum nächsten Raum. Es ist auf einmal sehr still. Hinter dem Vorhang flackert eine Neonlampe, der Boden ist blutbesprenkelt. Die Szenerie erinnert an einen Schlachthof.

    Wir stehen in einer Art Operationssaal. Auf einem OP-Tisch befinden sich die Überreste eines wohl nicht glücklich gewordenen „Patienten“. Dort, wo normalerweise das Besteck ist, liegen Hackbeile, Messer und andere Werkzeuge, die mich erschaudern lassen. Es riecht seltsam. „Ahhhhhhh!“, kreischt es hinter mir. Ein Mann mit Mundschutz, bewaffnet mit einer Motorsäge, nähert sich dem Zimmer. Wir ergreifen die Flucht.

    Doch zu früh gefreut. Es dauert nur einen Moment und ich bin orientierungslos. Der ganze Gang ist asymmetrisch schwarz-weiß bemalt. Farbige, hektische Lichtwechsel sorgen dafür, dass sich in meinem Kopf alles dreht. Ich merke, wie ich mehr vorwärts taumle statt zu gehen. Der Motorsägen-Mann steht plötzlich vor mir, dann ist er meterweit entfernt. Es fällt mir schwer zu lokalisieren, wer sich wie bewegt.

    Am Ende angekommen geht spürbar eine Welle der Erleichterung durch die Runde. Noch etwas benommen fallen mir Clownsmasken und Zirkus-Utensilien ins Auge. Doch das freudige Erwarten, das Kinder empfinden, wenn sie in einen Zirkus besuchen, stellt sich nicht ein. Wer kennt sie nicht, die Geschichten vom Monster Pennywise aus Stephen JKings „Es“, dem bösen Clown?

    Der Kürbis darf nicht fehlen

    Wir passieren den Raum vorsichtig und merken gar nicht, wie uns zwei übergroße Clowns begleiten. Vor uns liegt der Ausgang der Lagerhalle. „Bye-bye!“, ertönt es singend von hinten, wir zucken ein letztes Mal zusammen und sind wieder auf sicherem Boden angekommen.

    „Na, wie hat dir dein erstes Spukhaus gefallen?“, fragt mich meine Freundin auf dem Weg zum Auto. „Super! Ich hätte nicht gedacht, dass es so gut umgesetzt ist“, gestehe ich. Sie lacht und erzählt mir, dass es in einem anderen Stadtteil „Haunted Hayrides“ gebe. Das seien Touren, bei denen man auf Heuwagen über verspukte Felder führe, ähnlich also wie Spukhäuser. Außerdem könne man beim Kürbis-Wettwerfen mitmachen und kleine Preise gewinnen.

    Mein erstes Halloween in Portland hat mich überrascht. Halloween in Amerika lässt sich nicht bloß über die sexy Krankenschwester definieren. Sie gehört natürlich unumgänglich dazu, aber aus dem Gros der Veranstaltungen spricht doch Originalität, Kreativität und die Liebe zum Detail.

    Quellen:

    http://13thdoor.com

    http://www.frighttown.com/haunts.html

    http://www.hauntedhayrides.com/oregon_haunted_hayrides

    Foto: flickr.com/Gaudencio Garcinuño

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