• Gefesselte Tellerrandgucker

    by  • 26. Oktober 2012 • Dein Studium • 0 Comments

     

    Uni Tübingen. Gefahr von Rückfälligkeit, Zusammenhang zwischen Werten und Religiosität sowie Delinquenz, Gewalt im Fußball – seit 1962, länger als jede vergleichbare Einrichtung in Deutschland, widmet sich das Tübinger Institut für Kriminologie spannenden Fragen der Forschung. Offiziell gehört es der Juristischen Fakultät an, ist aber stark interdisziplinär geprägt. Mit einem Festakt feiert es heute sein 50-jähriges Bestehen.

    In gewisser Weise könnte man Prof. Dr. Jörg Kinzig, seit einem Jahr Leiter des Instituts für Kriminologie, einen Mann mit Weitsicht nennen. Als er 1996 seine Dissertation mit dem Titel “Die Sicherheitsverwahrung auf dem Prüfstand” ablegte, war das ein Thema für Experten. Spätestens seit einem wegweisenden Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gegen den deutschen Staat zur nachträglichen Sicherungsverwahrung spricht die halbe Republik darüber.

    Der Prof will von seinen Studenten lernen

    Es sind Fragen wie diese, die Kinzig seit Beginn seiner Hochschulkarriere begeistern. Der Wandler zwischen den Welten des Strafrechts und der Kriminologie kam 2005 nach Tübingen, davor lehrte er in Freiburg. Die bösen Kerle, die gefährlichen Straftäter, haben es ihm angetan. Seine aktuellen Forschungen beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit Fragen der Prognose und der Resozialisierung nach der Haftentlassung.

    Die sozialwissenschaftliche Komponente lässt sich dabei nicht verleugnen. Das tut Kinzig auch gar nicht, gerade sie reizt ihn. “In meinen Vorlesungen sitzen mehr Soziologen, Psychologen und Erziehungswissenschaftler als Juristen”, sagt er. Studenten also mit zahlreichen nicht-juristischen Kompetenzen. Studenten, von denen der Vollblutjurist durchaus einiges lernen, zumindest erfahren könne. Die Mischung schaffe das Potenzial für “viele schöne Diskussionen”.

    Auffallend hoher Frauenanteil

    Eine jener vordergründig fachfremden Besucherinnen ist die Sozialpädagogin Filiz Ablak. Die 26-Jährige kennt sich bestens aus, sie hat Kriminologie zu ihrem Beifach gewählt und ist seit März 2011 studentische Mitarbeiterin am Institut. “Die Interdisziplinarität fasziniert mich”, sagt sie. Juristische Gesetze böten etwas Handfestes, sie könnten aber nicht erklären, warum ein Mensch gegen sie verstößt.

    Jörg Kinzig ist da ganz auf ihrer Linie. Er hat festgestellt: Unter den Juristen in seinen Veranstaltungen sind vor allem Studierende, “die über den Tellerrand hinausblicken wollen – und zwar überproportional viele Frauen”. Warum das so ist, dazu hat er seine eigene Theorie. Er spricht überspitzt von einer höheren Veranlagung zum Helfersyndrom, ohne das spöttisch oder gar negativ verstanden haben zu wollen.

    Und warum sollte er auch spotten? In Sachen Kriminologie ist er schließlich selbst passionierter Mittäter.

    Foto: Thorben Wengert/pixelio.de

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