• Die Pest auf den Zähnen

    by  • 1. Oktober 2012 • Dein Studium • 0 Comments

    Tübingen. Es mag manchem ein verwundertes Kopfschütteln abverlangen, aber die Pest hat Dr. Verena Schünemann von der Uni Tübingen schon immer fasziniert. Die 32-jährige Ex-Mitarbeiterin des Max-Planck-Instituts ist eine Art archäologische Forensikerin – und Teil eines Teams, das jüngst Fördergelder in Höhe von 1,5 Millionen Euro vom Europäischen Forschungsrat erhalten hat.

    Es sind vor allem wissenschaftliche Pioniere, die von den „Starting Grants“ profitieren. Zwei davon kommen in diesem Jahr aus Tübingen, darunter Prof. Dr. Johannes Krause vom Institut für wissenschaftliche Archäologie, in dem Verena Schünemann gerade an ihrem zweiten Doktortitel nach dem in der Biochemie arbeitet.

    Die Archäologin robbt nicht durch den Staub

    Das Verbindungsglied zwischen ihren Fachrichtungen ist alte DNA. Als es 2011 mit Hilfe der Zähne von 650 Jahre alten Londoner Skeletten gelang, das Genom des Schwarzen Tods zu entschlüsseln, berichteten die Medien deutschlandweit – von Spiegel-Online bis zum Tübinger Tagblatt. In die Extrakte der Pestopfer mischte sich auch DNA von vielen Pflanzen, Pilzen und Bodenbakterien, die auf den Knochen gelebt haben, während die im Boden lagen. Folge: die Tübinger fischten „wie mit einer Angel“ nach den DNA-Stücken der toten Pestbakterien.

    Verena Schünemann ist eine Archäologin, die wenig mit Indiana Jones gemein hat. Sie robbt nicht durch den Staub, bei Ausgrabungen ist sie selten dabei. Die größte Gemeinsamkeit mit Hollywoods liebstem Jäger des verlorenen Schatzes ist ihr gemeinsames Ziel: beide sind ungelösten Fällen auf der Spur.

    Wettlauf gegen die Mortalitätsrate

    Bei Schünemann sind das Pandemien wie die Pest und solche, die man mangels anderer Begriffe eben so nannte. Beispiel: die Antoninische Pest, die in Wirklichkeit wohl auf Pockenerreger zurückging. Besonderes Interesse hat die Tübingerin an der Evolution von Bakterien. „Wenn wir wissen, wie sie sich verhalten und verwandeln, können wir rascher auf eine Antibiotikum-Resistenz und somit auf eine höhere Mortalitätsrate im Falle neuer Pandemiewellen reagieren.“

    Nach Bekanntgabe der Förderung floss im Tübinger Labor aber erst einmal Champagner. „Der Starting Grant zeigt, wie interessant unsere Forschung ist – und dass sie die Allgemeinheit anspricht“, sagt Schünemann. Auf ihrem Tisch werden bald wieder mittelalterliche Skelette liegen. Studenten lernen von ihr in diesem Semester unter anderem Human- und Molekulargenetik.

    Fotos: Museum of London/privat

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