• Das Zeitproblem der Fachidioten

    by  • 31. Oktober 2012 • Dein Studium • 0 Comments

     

    Uni Stuttgart. Werdet keine Fachidioten, kümmert euch um die Allgemeinbildung, baut ein Weltbild auf, indem ihr euch den Kulturleistungen der Menschheit widmet – mit diesem Aufruf startete im Wintersemester 1952 an der damaligen Technischen Hochschule Stuttgart das Studium Generale. Heute feiert es Jubiläum. Doch Bologna hat vieles verändert. Die Macher des Programms versuchen darauf zu reagieren.

    Nicht nur Scheine im Kopf haben, mal über den Tellerrand gucken, Eigeninitiative beweisen – bei solchen Appellen können viele stressgeplagte Bachelor- und Masterstudenten nur müde lächeln. In ihrem stark verschulten und engmaschig gestrickten Studium auch noch die Augen nach Zusatzangeboten offenzuhalten, so attraktiv, interessant und lohnenswert sie auch sein mögen, empfinden viele als realitätsfremd.

    Auf der Bühne Kompetenzen sammeln

    Markus Lion, Leiter des Studium Generale an der Uni Stuttgart hat das erkannt und äußert Verständnis. „Es ist alles eine Frage der Zeit“, sagt er. Doch die so genannten fachübergreifenden Schlüsselqualifikationen, für die im Rahmen eines Studiums Punkte gesammelt werden müssen, ließen sich auch in Studium-Generale-Kursen erwerben, zum Beispiel im Steinfuß-Theater. „Ich wüsste nicht, warum man dort keine sozialen und kommunikativen Kompetenzen lernen sollte.“

    Das Problem: Materiell Zähl- und Verwertbares für den eigenen Studienabschluss nehmen die Teilnehmer dort nicht mit. Noch nicht. Lion will sich dafür einsetzen, das in seinen nahezu 40 Arbeitskreisen und Kursen – vom Amateurfunk über moderne Umgangsformen bis hin zur Stressbewältigung durch Yoga – mehr Plätze angeboten werden, in denen es Leistungspunkte für „soft skills“ gibt.

    Einstweilen ist es vor allem ein Klientel, das dem Studium Generale sein Gesicht verleiht: die Gasthörer, häufig Senioren. In diesem Semester nutzen rund 1000 registrierte Gäste aus der „bildungshungrigen Öffentlichkeit“ die Möglichkeit, für einen Beitrag von 150 Euro, ermäßigt 40 Euro, bis zu fünf zweistündige Veranstaltungen pro Woche zu besuchen.

    Planungen zum intergenerationellen Lernen

    Von ihnen, glaubt Lion, könnten auch reguläre Studenten profitieren. Deswegen peilt sein Team für die nächsten Semester vermehrt Veranstaltungen im Bereich intergenerationelles Lernen an. Ziel: Vorurteile abbauen und Raum schaffen für spannende Kontakte. „Viele unserer Gäste gehören der gehobenen Bildungsschicht an und hatten früher Spitzenjobs. Von ihren Erfahrungen können Junge profitieren.“ Umgekehrt könnten diese ihr Wissen etwa über die neuen Medien weitergeben.

    Bei den Gästen stößt das offenbar auf großes Interesse. Eine Arbeitsgruppe schmiedet momentan Ideen für attraktive Angebote. Allerdings zeigt sich auch hier die Grundproblematik. Mit durchaus nicht geringem Aufwand suchte man Studenten, die sich ihrerseits in der Entwicklungsgruppe engagieren wollen. Gemeldet hat sich einer.

    Foto: Steinfuß-Theater (aus “Bunny Munro” nach Nick Cave)

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